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Präsenztraining mbsr – die Basis

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Worum geht es im mbsr? Was macht dieses Training aus. Gibt es zentrale theoretische Grundlagen, die für alle Übungen und Meditationen gelten? Wir geben an dieser Stelle eine komprimierte Antwort auf diese Frage.

In den vorhergehenden Wochen unseres mbsr-Kurses haben wir bereits angesprochen, dass es wichtig ist, während der Übungen ganz da zu sein. Präsent zu sein im Augenblick unserer Übung, statt mit den Gedanken umherzuschweifen. Ebenso haben wir erörtert, dass eine annehmende, nicht wertende Haltung gegenüber allem, was wir wahrnehmen, wesentlich ist. Fünf weitere Aspekte betrachten wir im Folgenden, um sie uns nochmals (oder auch zum ersten Mal) bewusst zum machen.

I] Lust und Unlust in der täglichen Übung

Fortschritt braucht Übung. Aber nicht immer haben wir Lust, gerade jetzt zu üben. Der erste Schritt ist dann, diese Unlust zu beobachten ohne zu werten – und sie anzunehmen. In einem weiteren Schritt machen wir dann (im Normalfall) trotzdem unsere Übung. Zum einen ist der Sinn unseres Trainings die Praxis, zum anderen kann sich hinter auftretender Unlust der nächste Schritt in unserer Entwicklung verbergen.
Aber Unlust ist nicht das einzige Thema, das uns bei unseren Übungen begegnen kann. Auf der anderen Seite der Emotionenskala liegen übermotiviertes und verkrampftes Bemühen. Hier gilt wieder: 1. beobachten , 2. akzeptieren, dass es da ist ( = annehmen), 3. loslassen,
das heißt, das Gemisch aus Empfindungen und Gedanken möglichst nicht weiter zu verfolgen, sondern ziehen zu lassen. In unserem Emotionen- und Gedanken-karussell geht es jeweils darum zu sehen: „Was liegt gerade oben auf, welches Gefühl bestimmt mich gerade?“ Dieses Gefühl vergegenwärtigen wir uns, nehmen es an und lassen es dann los. Wenn wir das tun, ist eine solche Emotion kein störendes Ärgernis mehr. Vielmehr gibt sie uns den Anlass für eine noch tiefer empfundene Präsenz. Immer auf der Spur dessen, was jetzt gerade in unserem Leben da ist.
Zuletzt hilft es auch, sich klar zu machen, dass wir nicht für den MBSR-Lehrer oder die Familie oder sonst wen üben – sondern für uns selbst und für den nächsten guten Schritt in unserem Leben.

II] Vertrauen – „Wem oder was vertrauen?“

„Vertrauen ist der Anfang vielem.“

Unsere moderne Welt basiert zu einem Großteil auf Versprechen. Oft bringen diese Versprechen aber gerade nicht demjenigen einen Vorteil, dem etwas versprochen wurde, sondern dem, der uns vollmundig etwas verspricht (und dann nicht hält). Insofern scheint es angemessen, nicht allzu „vertrauensselig“ zu sein und nicht ungeprüft zu schlucken, was uns vorgesetzt wird.
Andererseits ist ein gewisser Vertrauens- vorschuss unerlässlich. Nur wenn wir mit einem Mindestmaß an Vertrauen an etwas Neues herangehen, hat das Neue eine Chance, seine Qualität zu beweisen. Gerade den Skeptischeren unter uns hilft es, wenn sie beschließen, sich zunächst, für eine Zeit, auf die Übungen einzulassen, um sich nicht ständig mit der Frage beschäftigen zu müssen, „ob das überhaupt etwas bringt“. Ein Resümee ziehen wir dann nach einer angemessenen Zeit des Übens – die wir selbst festlegen können.
Wichtig: MBSR ist dafür bekannt, dass es die „innere Stimme“ entwickelt und die Intuition fördert. Es kann also schon aus dieser Perspektive heraus nicht darum gehen, sich blind auf etwas einzulassen. Das heißt, wir hören immer wieder „mit einem Ohr“ nach innen. Aber wir öffnen uns auch neuen Erfahrungen und sorgen dafür, dass die zarte Pflanze des Neuen nicht sofort von der inneren Kritik-Abteilung zertreten wird.

III] So sein lassen und loslassen

Müsste man die Praxis der Präsenz auf einen einzigen Aspekt reduzieren, dann wäre dies „loslassen“. MBSR ist die Praxis des Loslassens. Die Voraussetzung für loslassen ist aber, dass wir uns zunächst bewusst werden, was gerade in diesem Moment in uns vorgeht, wohin uns Gedanken, Gefühle oder Körper-empfindungen gerade ziehen. Wie ein Beobachter von einem fremden Stern sehen wir uns dann an, was jetzt ist. Mehr tun wir nicht. Beispielsweise spüren wir in uns einen Widerstand gegen den gegenwärtigen Moment, wir nehmen wahr, dass etwas in uns den aktuellen Moment vielleicht „interessanter“, aufregender“ oder „schöner“ haben will, als er ist. Wir lassen dies so sein, wir halten nicht fest und wir verdrängen nicht, wir beobachten nur. So erlauben wir den Dingen zu sein, wie sie gerade sind. Und lösen uns davon, etwas verändern oder anders haben zu wollen. Auch der Widerstand (wenn er denn weiter besteht) darf sein! Auf diese Weise lassen wir immer wieder los.
In einem anderen Fall nehmen wir vielleicht beim Bodyscan unangenehme Empfindungen wahr. Hier hilft es, ganz wach zu sein und die Aufmerksamkeit gezielt auf die Stelle des Ursprungs zu richten. Um voll bei dieser Empfindung zu sein, aber doch nicht davon überwältigt zu werden, nutzen wir unseren Atem. In der Vorstellung atmen wir in diese Stelle hinein und auch wieder aus ihr heraus. Jeweils während wir ausatmen, lassen wir ganz bewusst los. Verändet sich etwas: gut. Verändert sich nichts – auch gut!
Loszulassen bedeutet nicht, passiv zu sein
Wenn wir so loslassen, bedeutet das nicht, dass wir künftig darauf verzichten, aktiv etwas zu unternehmen, um unsere Lebenssituation zu verbessern oder zu verändern. Die Aufforderung, die Gegenwart zu akzeptieren und die Dinge so sein zu lassen, wie sie sind, bezieht sich immer auf den Moment, also auf etwas, das jetzt sowieso schon da ist. Den Widerstand gegen das, was sowieso schon in unserem Leben vorhanden ist, diesen geben wir auf.
Ebenso lösen wir uns, beispielsweise in der Meditation, von den Gedanken an Zukunft und Vergangenheit und lassen so immer wieder unsere Wünsche und Zielvorstellungen los. Es ist immer derselbe Weg:

1. Bewusstwerden, was sich gerade in unserer Wahrnehmung meldet,
2. Beobachten und so sein lassen,
3. Loslassen und beobachten, was dann geschieht oder auch nicht geschieht. Darüber hinaus gibt es nichts zu tun.

In der Meditation, im Bodyscan und im Yoga lösen wir uns von allem, was uns den Blick auf den Moment verstellt. Wir lassen Gefühle, Gedanken, Wünsche, Vorstellungen und Bewertungen aller Art los, auch die positiven. Nicht,weil wir sie ablehnen oder ignorieren. Sondern indem wir den Fokus unserer Aufmerksamkeit dorthin lenken, bewusst wahrnehmen, dass sie jetzt da sind – und sie dann loslassen.

IV] Geduld

„Das Gras wächst nicht schneller, bloß weil man daran zieht“
Chinesisches Sprichwort

Als moderne Menschen sind wir es mehr oder weniger gewohnt, den gegenwärtigen Moment zu übersehen, zu verleugnen oder gar abzulehnen. Auch deshalb fällt uns das Präsenztraining manchmal nicht so leicht. Wenn wir üben und trainieren, gehen wir also einen Weg, der etwas ganz Besonderes erfordert: Geduld mit uns selbst.
Geduld zu haben, hilft uns auch im Umgang mit unangenehmen Gefühlen. Diese Emotionen einfach nur zu spüren, geduldig und ohne auszuweichen, mag zunächst unkomfortabel sein. Mit der Zeit hilft uns aber diese Geduld und das, was wir dabei lernen, enorm. Wir verändern (beinahe unmerklich) uns selbst und unsere Sichtweise. Wir lernen, mit den Menschen und Dingen zu leben, die uns begegnen – wo vorher vielleicht nur Widerstand oder ein Gefühl von Ablehnung war.

V] Nicht zu wissen

Wir leben in der so genannten Wissensgesellschaft. Wissen über Themen des Alltag wie auch beruflich professionelles Wissen ist unabdingbar. Und dennoch: Manchmal kann es gut sein, nicht zu wissen. Was heißt das? Wenn wir uns auf „nicht wissen“ einlassen, dann bedeutet das, unserer Welt und den Menschen darin mit einer Haltung zu begegnen, die auf Vorurteile, Meinungen und Konzepte verzichtet. Dies ist eine Haltung, in der wir bereit sind, die Dinge völlig neu zu sehen und wie zum ersten Mal an uns heranzulassen.
In der Regel sind wir angefüllt mit Meinungen und, wie wir glauben, begründeten Urteilen über die Menschen und Dinge um uns herum. Uns kann niemand so schnell etwas vormachen. Schließlich haben wir diese und jene Situation schon soundso oft erlebt. Diese Erfahrungen und Erlebnisse aus der Vergangenheit sind im Lauf der Jahre zu einer Brille geworden, durch die wir die Welt nun sehen. Waren es problematische Erfahrungen, die uns prägten, dann zeigt uns die Brille im ungünstigsten Fall eine durch und durch problematische Welt. Aber ist diese Welt wirklich so?
Nein. Wir wissen das oder ahnen es zumindest. Im Präsenztraining lernen wir, dass unsere „Brille“ uns oft den Kontakt zu den vielen einzigartigen Momenten verstellt, aus denen unser Leben besteht. Das Schöne, Besondere und Kostbare des Augenblicks kann dann nicht zu uns durchdringen. Es wird sozusagen von unserer Brille verdeckt. Schafft es die Wirklichkeit doch einmal, zu uns durchzudringen, erleben wir dies oft als Atem beraubend. Etwa wenn uns ganz plötzlich der Anblick einer Landschaft „trifft“, oder die grandiose Stille eines schönen Augenblicks. Für einen Moment fehlen uns dann die Worte und Gedanken und wir nehmen die Schönheit des Seins wahr. Aber schon im nächstem Moment kann wieder die Stimme im Kopf einsetzen, etwa mit den Worten: „Was für tolle Farben am Himmel… fast wie damals auf Lanzarote“. Und schon urteilen und vergleichen wir wieder. Das „nicht wissen“ hatte nur ein kurzes Gastspiel. Um diese seltenen Momente stärker einzuladen in unseren Alltag, in denen wir unsere Meinungs- und Wissensbrille abnehmen, – dafür üben wir.

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