Mit Sicherheit unsicher

Fuesse am Strand

Dreht die Welt durch? Oder nur wir?

Das fragt ein Jourmalist der Süddeutschen Zeitung. Bei vielen Zeitgenossen, so seine Wahrnehmung, mache sich ein Gefühl der Unsicherheit breit: der so genannte IS, der Staatsradikalismus in der Türkei, die Spannungen mit Russland, die Wahlgroteske in den USA, der Brexit mitsamt seinen seltsamen Akteuren. Das alles geht uns an – und spricht laut für die These, dass wir in unsicheren, kaum mehr berechenbaren Zeiten leben. Aber vielleicht, so überlegt der Autor, ist unsere Welt nur derart durchmedialisiert, dass zwischen uns und jene beunruhigenden Weltereignisse einfach kein Haar mehr passt. Abstand? Fehlanzeige! Alles prasselt direkt aus dem (sozialen) Medien auf uns herunter. Mit anderen Worten: früher war das Feuer auch nicht heißer – aber jetzt stehen wir halt direkt davor.

Über diese Ansicht kann man nun philosophieren, und der Autor tut das zusammen mit interessanten Gesprächspartnern. Am Ende bleibt die Erkenntnis, für viele Menschen fühlt sich diese Zeit derart ungemütlich an, dass sie verzweifelt und zum Teil mit Gewalt versuchen, Sicherheit zu gewinnen. Manche erträumen sich ein rechtes Drehbuch von Law & Order. Andere ein sicheres Leben, in sicheren Grenzen, mit einem sicheren Lebensstandard und einem sicheren Nachbarn dazu. Rechtsextreme Bewegungen in ganz Europa ziehen momentan Gewinn aus dieser Sehnsucht. Sie versprechen Sicherheit – und haben bislang nichts geboten außer dem Willen zu Abschottung, Verleumdung, Hass und nationalem Egoismus.

Wer sein Leben mit offenen Augen lebt, weiß: Das Leben ist eine zerbrechliche Sache – und Sicherheit eine Illusion. Von heute auf morgen kann es enden: die Karriere, die Partnerschaft, die Gesundheit. Niemand hat es in der Hand. Aber diese Unsicherheit muss uns nicht unbedingt in die Hände seltsamer Ideen oder Menschen treiben. Im Gegenteil: die verängstigte Gesellschaft könnte das Smartie ausschalten, sich hinsetzen, durchatmen und die Gedanken und Gefühle der Unsicherheit zulassen. Meditieren nennt man das trafitionell. Einfach zulassen und aushalten, was kommt. Ohne sich den Ängsten zu ergeben oder in Hoffnungen zu flüchten. Was dann beginnt, lässt sich schwer beschreiben. Nur so viel: wo es vorher eng und ängstlich war, kann sich langsam ein innerer Raum öffnen. Nach und nach, über die Wochen und Monate hinweg, entsteht eine Weite, der das schöne Wort Freiheit am nächsten kommt. Mit dem schlichten Dasein und Aushalten dessen, was ist, kommt ein Prozess von so überzeugender Qualität in Gang,  dass die alten Meditationsmeister dafür extra ein Wort erfinden mussten: Erleuchtung.

2 Responses to Mit Sicherheit unsicher

  1. Heinrich 20. September 2017 at 08:08 #

    Danke für diesen Text, finde ich sehr gut, inspirierend und hilfreich, genau wie die andern Inhalte auf Deiner Website!
    Herzliche Grüße, Heinrich

    • Thomas Hübner 20. September 2017 at 10:06 #

      Freut mich sehr, wenn es gefällt.
      Sonnige Grüße!

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